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Ob es einen Sinn hat weiter zu malen, diese Frage stellt sich in der gesamten zeitgenössischen Kunst. Manche verneinen sie und verzich­ten: Nein, es hat keinen Sinn in einer Welt der Reizüberflutung, der Technik, der Serienproduktion, des Massenkonsums noch zu malen. Mit Leinwand und Pinsel zu arbeiten ist ein Anachronismus. Viel­leicht hat, wer diesen Standpunkt vertritt, genauso Recht oder Unrecht, wie jene, die den unabänderlichen Untergang des Theaters beschwören.

Die neuerliche epigonale “Auferstehung” der Malerei bezeugt ein Missverständnis des Zweikampfes einiger weniger wirklicher “Maler­helden”, die begonnen hatten, mit dem “Geist der Leinwand” zu kämpfen, und Befriedigung der Augen, der Sinne und des Herzens als Befreiung des malerischen Geistes feierten.

Auf der anderen Seite stehen die Vertreter einer gleichfalls untaug­lichen konzeptionellen bzw. minimalistischen Richtung, die meinen, des Problems Lösungen bequemen Abkürzungen gefunden zu haben. Will ich damit etwa sagen, dass die Malerei tot ist und solchen Künstlern, die sie nicht mehr praktizieren, Unwahrhaftigkeit zu unterstellen ist?

Der Anachronismus des Malens lässt uns keine andere Wahl als die schmerzhafte Ablösung von der Zeit. Kunst zu machen kann nicht bedeuten, den Wesenszügen des wirtschaftlichen Modells zu folgen oder privaten und sozialen Verpflichtungen nachzugehen. Kunst kann sich nicht der Welt anpassen und muss in diesem Sinne ein Zei­chen sein. Sie muss durch den Gedanken, nicht allein durch das Machen existieren.

Viele Worte um am Ende zu den Bildern von Susanne Kessler zu gelangen: Malerei, Farbe, Abtönungen und Zeichen, die mit all dem technischen – und nicht nur technischem – Rüstzeug behaftet sind, dessen sich Maler schon immer bedienen mussten. Beim ersten Blick scheint eine “informelle Erinnerung” durch. Aber es ist kein modi­scher Rückgriff, sondern eine sehr gut verstandene Lehre einer Sprache. Die Arbeit ist aus der Sensibilität des farbigen Materials geboren. Die Farbe ist nicht nur verstanden als Lichtspektrum, son­dern als etwas Physisches. Es ist nicht das dramatische Informel eines Hartungs oder das Tragische eines Fautriers, das Susanne Kessler anregt, sondern eher die Schrift eines Tobey oder die visio­nären Aufwallungen eines Pollocks. Also existiert schon in der Struktur des Werkes die Absicht, die Materie innerhalb des Bildes hinter dem dichten Schleier der Oberfläche zum Sprechen zu brin­gen. Um dieses zu erreichen, arbeitet Susanne Kessler mit einer sehr präzisen Farbwahl. Sie beschreibt ihre Bilder mit Linien, Schatten, Spuren und Formengespinsten. Hier dann ist das Informel längst Erinnerung. Die Körperlichkeit der Malerei wird benutzt, um die Form zu bereichern, nicht um ihr zu widersprechen oder sie gar zu negieren.

Aber welche Formen erscheinen in den Bildern von Susanne Kessler? Keine bekannten, jedenfalls keine, die – figurativ oder abstrakt – die Welt darstellen wollen oder den reißenden Fluss der Zeit, nichts, was aus Malerei eine nachvollziehende und daher anachronistische Kunst macht. Aus den Bildern von Susanne Kessler spricht die ständige Suche nach der “Form”, verstanden als Transformation aller äuße­ren Erscheinungen. Eine Form, die “statt-findet” und somit räum­lich wird.

Die Suche nach der Form erreicht ihren klarsten Ausdruck, wenn die Künstlerin, Bilder sprengend, sich in den Raum hinein malt, wie bei den Karussellen, wo das Ergründen der Form sich in räumliche Theatralik ausweitet. Die Spielmaschinen bieten ein Ambiente, in dem Zeichen und Farbe als von Zweidimensionalität befreit empfun­den werden. All das erscheint unverkennbar auch in den weniger spektakulären Arbeiten, dort, wo die Fläche der Leinwand die Ma­lerei begrenzt. Hier entsteht eine reiche Räumlichkeit durch Einbrü­che und Reihung sich überlagernder Flächen, Formenlabyrinthe, Schatten, Bilder allein der reinen simplen Schrift der Malerei abge­trotzt. Der Bildraum wird zum Ort, wo die Form schon da ist, bevor sie zur Form geworden ist, und die Malerei die Sprache der Entfrem­dung spricht, ihres Nicht-Angepasst -Seins und sich des Ursprungs besinnt. Je mehr Zeit verstreicht, umso sinnvoller wird eine Malerei, die ins Spiel bringt, was nicht zeitlich ist: den Archetyp, das Ursprüngliche, und die vor allem aus diesen grundlegenden Angaben ihren Stil zu finden weiß.

 

Text von Lorenzo Mango zur Ausstellung “Susanne Kessler – pittura e progetti”, Centro Luigi di Sarro, Rom, IT, 1990