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„Verstrickungen“ nannte Susanne Kessler die Außenarbeit, die sie im Rahmen ihrer Ausstellung „Bilder, Bücher und Gebilde“ auf dem Platz vor dem Elbeforum Brunsbüttel aufbaute. Dafür nutzte sie fünf Fahnenmasten als Halterung für ihr temporäres Zeichen – ein 2,5 Meter über dem Boden schwebendes, vier Meter in die Höhe ragendes und über viermal fünf Meter Breite verlaufendes geometrisches Raster aus weißem Gewebeband. Diese „Soft Grids“ stehen im optischen Zusammenhang mit der Architektur der Umgebung (bes. mit den Rastern aus weißen Sprossenfenstern) und werden polarisiert mit einer bewegten an- und abschwellenden schwarzen Linie, bestehend aus in Teer getauchten Stoffen, zusammengeschnürt zu Kordeln. Susanne Kessler reagiert auf die Begebenheit des Ortes mit ihrem künstlerischen Vokabular, das sie erweitert und weiter entwickelt, indem sie dessen Möglichkeiten stetig weiter auslotet. Im Zentrum stehen die für das Formenvokabular von Susanne Kessler typischen Zeichen: Zeichnungen organischer, variierender Figuren, in jüngster Zeit mit Teerkordeln kombiniert. Ein Ausgangspunkt für diese Arbeit war ihr Beitrag zur Ausstellung „Peacesculpture – 50 Jahre nach der Befreiung Dänemarks vom deutschen Nationalsozialismus“ 1995: „Bilancia“ , angebracht an einen halb im Sand versunkenen Bunker an der jütländischen Küste in Dänemark. Bilancia (ital. Waage) ist an sich eine typisch italienische Fischerkonstruktion mit einer Eisenkorb-Halterung, an die Netze gehängt werden. Susanne Kessler nutzte das Gerät als Grundgerüst für ihre Formen auf Gewebestrukturen. Auf den Netzen hatte sie Zeichnungen auf Nessel des menschlichen Innenohrs an- bzw. eingebracht. Die menschlichen Ohrlabyrinthe symbolisieren für sie Menschwerdung, Fragilität und Verständigung: „Der Bunker sollte auf diese Weise für eine begrenzte Zeit dem Organischen und Vergänglichen übergeben, seine massige Brutalität aufgegeben werden.“

Die erste Bilancia verging in den Naturgewalten des Windes am dänischen Strand. Fasziniert von den Möglichkeiten des technischen Geräts und erahnend, dass das Ausdrucksrepertoire noch nicht vollends erschlossen sein würde, folgte 1996 eine modernisierte Bilancia- Konstruktion mit einem 14 Meter langen Ausleger und einer Schwenk- und Senkvorrichtung, sodass die Position des schwebenden Objektes, präzise auf den Umraum abgestimmt, ausgerichtet werden kann: „Bilancia Anfibia“.

Erstmals in der Ausstellung „An Elbe und Rhein“ 1998 an der Rheinuferpromende in Bonn finden sich in zarte viereckige Metallrahmen eingebundene Teerzeichnungen, die sie mit dem Pinsel auf Nessel gemalt und ausgeschnitten hat: Abstraktionen, auf das Wesentliche reduzierte Zeichen organischen Ursprungs, einem Formenkanon entnommen, den Susanne Kessler aus Fisch-, Vogel-, Reptilien- und Säugeranatomien entwickelt hat.

Sie sind eingeflochten in klare, zarte, starre geometrische Strukturen. Die Zeichen erinnern an Kiemen- und Grätenformen, an Flügel-, Flossen-, Schulter- und Beckenformen. Die Zeichen stehen durch die organische Bewegtheit der Linie an sich der Starrheit entgegen, durch ihr kompliziertes, sich klar von der Einfachheit der geometrischen Formen abhebendes Erscheinen und durch den Aufbau von Innen- und Außenzeichnung.

Von nun an werden die Zeichnungen zu Versatzstücken, die sich in verschiedensten Bereichen im Innen- und Außenraum bewähren, etwa bei der Arbeit „Wenn die Flüsse rückwärts fließen“ (Dresden 1998). Bei „Dem Licht entgegen“, zu sehen in den Flottmannhallen Herne 1999, streben 120 Nesseldrachen und 120 Teerzeichnungen dem luftigen Raum unterhalb des Glasdaches entgegen. Mit „Brückenbogen“ (2000 auf Schloss Borbeck, Essen) verbindet Susanne Kessler einen Torbogen aus Eisen mit ihrem Formenvokabular: Die starre Konstruktion aus Metall wird virtuos aufgebrochen durch die Teerzeichnungen, Versatzstücke aus der „Bilancia anfibia“. Sie scheinen den Torbogen zu Übervölkern, bringen Unruhe und Bewegung.

Mit der 1992-2001 entstandenen Arbeit „Anwachsendes Gebilde“9 erweitert sie ihren Formenkanon um die bereits geschilderten Teerkordeln. Geradezu exemplarisch ist „II Fregio di Palermo“ (2001): Wie ein Fries bzw. ein Relief umläuft ein Flechtwerk aus metallenen Gitterstrukturen mit Zeichnungen, durchflochten mit Teerkordeln, die äußere Häuserwand des Goethe-Instituts in Palermo.

Vorläufiger Endpunkt auf diesem Weg sind die „Softs Grids“, die erstmals den Innenraum der Galerie der California State University, Stanislaus (USA), förmlich ertasten und erobern. Sie teilen den Raum ein und gewähren zugleich standardisierte Durchblicke, die in Teilen belebt werden von den Zeichnungen Susanne Kesslers. An zwei Seiten lösen sie sich vollkommen vom Raster und beginnen ein Eigenleben auf den Wandflächen zu führen. In der Stadtgalerie im Elbeforum schließlich haben sich die Zeichen vom Raster emanzipiert, sie Übervölkern den Raum, greifen mit ihren Schichtungen über die Wände, der Betrachter assoziiert Bewegung. Auch bei der Arbeit „Treedrawing“ von 2002 auf dem Campus der California State University begegnen wir der Teerkordel, die sich organisch durch die Bäume schwingt und im klaren Kontrast zur geometrischen Form der umgebenden Architektur wirkt. Die Kordeln fangen wie Netze unseren Blick, ebenso wie bei der Arbeit in Brunsbüttel.

Susanne Kessler nutzt eine stille Farbigkeit von Weiß bis Schwarz und praktiziert ein Cross-over von Zeichnung, Malerei und Objekt. Mit der Zeit scheinen sich die Zeichen zu verselbständigen. Alle Arbeiten sind Kunstwerke auf Zeit und agieren mit dem Ausstellungsort. Susanne Kessler setzt Zeichen, die mit ihren archaisch-verrätselten Formen unseren Blick schärfen. Sie weitet ihr Thema aus, probiert und entwickelt weiter, immer im Kontext zur Umgebung. Die Arbeit vor dem Elbeforum Brunsbüttel ist ohne Zweifel ein Meilenstein auf diesem Weg, mit Sicherheit aber kein Endpunkt.

 

Vorwort von Silke Eikermann, MA, Direktorin der Stadtgalerie im Elbeforum, zum Ausstellungskatalog „Susanne Kessler – Flechtwerke“, zu den Ausstellungen California State University Stanislaus/ Gustav–Lübke-Museum Hamm / Stadtgalerie im Elbeforum, 2002