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Wer erstmals eine Auswahl der Arbeiten von Susanne Kessler sieht, wird überrascht, ja vielleicht geblendet sein von der Vielfalt des Materials und der Kühnheit, mit der die Künstlerin ihre Formfindungen über die vertrauten Gattungen der Kunst hinweg entwickelt. Vielleicht stehen Kategorien für die Rezeption nicht gleich bereit, vielleicht überrascht auch die Freiheit dieser Kunst, die dennoch auf Demonstration nicht aus ist, und der Reichtum so vielgestaltigen Lebens. Kunst wie gewachsen.

Malerei, die in den Raum drängt, sich dem Raum verbindet im Ganzen wie im einzelnen Werk. Im musealen Raum heißt das Installation. Aber diese Kunst hat sich auch verbunden mit den Steinbrüchen Italiens, mit indischer Ebene, der Stadtlandschaft Palermos wie der Industrielandschaft des Ruhrgebiets, dem Meer, mit Rhein und Elbe und den tiefen Wiesen des Niederrheins.

 

Dabei ist jedes Werk selbst immer ein gewordenes; eine Mehrzahl von Techniken, Funden, Ausschnitten, Überdeckungen – Fragmente einer Zeichnung werden in ein anderes Bild transloziert – Collage fasst nicht die Vielfalt des Öffnens und Verschließens. Beides macht sichtbar: das Verdecken, wie das Öffnen. Und alles, zusammen mit der Position im Raum, wird verwandelt: Malerei wird Haus und Karussell, Drachen und Labyrinth; das Haus schwimmt, der Beton hört. Das ist ein mir besonders eindrückliches Beispiel, vielleicht weil die Starre der Bunker der Kindheit, über die von der Schelde-Mündung her schon damals in Wellen die Alliierten flogen, sich dem Kind nie vollständig gelöst hat. In einem alten deutschen Bunker der dänischen Küste malte Susanne Kessler 1995 die beweglichen Windungen des menschlichen Innenohrs, ein Hören auf den Rhythmus des Meeres, und sie bestückte ihn mit einer Bilancia, dem leichten Netzausleger der italienischen Fischer, dem Meer zugewandt und dazu dem Wind, der mit der Takelage den Beton wie zur Ausfahrt bereit erscheinen lasst. Solche Verwandlungen gibt es im Werk überall und so führt das Vollbringen nicht zu einem Ende, sondern umstürzlerisch zu einem Anfang und durch die Verwandlung zum Leben. Dieses Leben bewegt sich und breitet sich in den Werken aus, durchaus im Wissen auch um den Tod. Besonders in den von Erfahrungen in Afrika und Asien beeinflussten Werken erscheint ein derart wahres Dasein als eines. Der Titel einer wichtigen, übergroßen indischen Arbeit ist Programm und vielleicht auch Verheißung: The Universe Moves.

Diese Bewegung bezieht Zerstörung ein, Zerstörung als Verwandlung. Derart erinnert das Werk an Verse der Nelly Sachs: Presse o presst an der Zerstörung Tag An die Erde das lauschende Ohr. Und ihr werdet hören Wie im Tode das Leben beginnt.

Solches ist auch in den Bildern. Ausdrücklich möchte ich locken, sie wirklich zu sehen in ihrer Zauberei. Als zeigen sie zugleich Innereien und Haut, sehr Nahes, das man nicht zu benennen weiß, weil man es immer schon kennt, und ganz Fremdes. Sie bieten Bergung und Bedrohung, Karneval und Liturgie gleichzeitig, einerseits eine Art Gedächtnis mit Kürzeln erlebter, gefürchteter und ersehnter Ereignisse, andererseits Formen wie in die Zukunft einladende Boten. Dergleichen ist freilich die Wirklichkeit von Kunst immer. In diesen Arbeiten gewinnt es einen Puls und einen Atem.

Ebenso scheint es auch Franz Joseph van der Grinten zu sehen, wenn er seinen tiefen Moyland-Aufsatz über das Werk von Susanne Kessler schreibt und schließt mit dem Satz: Was lebt, bewegt sich, was sich regt hat Leben und fast feierlich hinzufügt Allerorts und hier, jetzt und immer. Eine Feier ist wirklich in diesen Sachen, aber vor allem ein Weg. Wenn wir nicht zu schnell kategorisieren, sondern der Sprache von Material, Zuordnung, Farbe und Form nachgehen, kann man eine große Differenziertheit wahrnehmen, bei der aus Widersprüchlichem ein Ganzes wird.

Selten scheint mir von einem Werk, nicht im Sinn einer festlegenden Botschaft, sondern einzig durch sein Dasein, seine Entwicklung, seine Aufbrüche und Überschreitungen so viel Zuversicht auszugehen.

 

Katalogtext von Dr. Adolf Smitmans „Susanne Kessler_Bilder und Gebilde“, Galerie der Stadt Remscheid, 2001