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Im Werk von Susanne Kessler gibt es eine Konstante: die Linie als Grundbedingung der Zeichnung im Raum.

Aufregend intensive Verdichtungen aus Fäden, z.T. aus Plastiknetzen, gehalten von Klebeband, Draht und Metallrahmen, befragen das Verständnis von Linie und Bildträger in der Kunst neu.

Raffiniert wird die Aufmerksamkeit des Publikums stufenweise ins Innere jedes Clusters bzw. entgegen der Anziehungskraft des Präsentationsraumes in die seelische Mobilmachung und das Unterfutter der Gesellschaft geführt. Rasante Verschlingungen saugen ihn in expandierende Installationen, etwa wie in „Europa“, „Alle Grenzen dieser Erde“, „Jerusalem“ und „Mappa Mundi“. Gleichzeitig wird das Auge durch Ablenkungen und das allgemeine spaßgesellschaftliche Divertimento wieder hinausgedrängt. Nichts vollzieht sich bei Susanne Kessler ohne Widerstand. In allem wirken die Kräfte von struktureller Kohäsion und Adhäsion und die Schönheit des Dargestellten ist wie ein Waffenstillstand im ewigen Kampf der Rivalen.

Die Veränderung der Grundkonditionen der Zeichnung, d.h. die Tendenz zur Verräumlichung

geht bei Susanne Kessler einher mit einer Lichtung des Voraussetzungsgestrüpps des politischen Diskurses.

Seit dem Ende des Kalten Krieges und der Zunahme der Globalisierung, die die eurozentrischen Betrachtungsweisen immer deutlicher nivelliert, ist in der Westkunst ein Trend hin zu einem Hineindenken in die neue Verwirrung zu beobachten. Es kommt zu einer kritischen wie spielerischen Vermischung von Realität und Fiktion. Kunstwerke offerieren Angeboteeiner imaginären Geographie und animieren zu realutopischen Versuchen kultureller Neukartierung. Das alles passiert unter den Vorzeichen eines weltumspannend aggressiven neuen Militarismus, globalen Terroralarms und einer bis in jedes Wohnzimmer hineinsendenden Medienmaschine, die den kontinuierlichen Ausnahmezustand bebildert. Susanne Kessler sieht die kriegerischen Interventionen und Okkupationen, den Werteverlust in einer scheinbar orientierungslos gewordenen Lebenswelt undunterzieht die Karten der Welt deshalb mit ihren Mitteln einer Befragung, die nur eine diskursoffene, ästhetisch feindimensionierte sein kann. Für ihr künstlerisches Mapping hat die Künstlerin höchst eigene Modi der formalen Veränderung gefunden. 

Susanne Kessler arbeitet seit 2011 mit Karten. Ihr erster groß angelegter Versuch, Historie und Projektion, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verklammern visualisiert sich 2012 in der Installation „Jerusalem“. Sie plädiert hier für einen vorurteilsfreien Denkraum, der erst einmal nichts mit der realgeographischen Realität und dem politischen Superpositionsprinzip zu tun hat und nicht auf den Status quo festgelegt ist, sondern, im Gegenteil, auf ein künstlerisches Spiel mit der Lineatur im luftleeren Raum zwischen himmlischem Jerusalem und unendlich vielen „Knoten“, traditionellen und ungeprüften Verbindungswegen, kulturellen und intellektuellen Überschneidungen ausgerichtet ist. Es ist ein wunderliches Bild der Durchdringung von Abschieden und Ankünften, die kein Schlusswort sein wollen, eher Fasern eines Stimmungszaubers. Insofern ist das Werk dann aber doch soweit konkret, dass es sich als Möglichkeitsraum konträr zu den Gegebenheiten verhält.

Das Hinzuerfinden von Linien nach ästhetischen Kriterien ist Kesslers Spezialität.

So zeigt denn auch ihre „Mappa Mundi“ (2018) Grenzziehungen, Grenzüberschreitungen und ein von Herz und Verstand Abstand nehmendes Linengewusel, ein bindungsloses Konstrukt gleichermaßen. In bewusster Verknäulung, sodass Grenzen ihre Bedeutung verlieren.

Jede dieser Kartographien ist natürlich ein Gegenmodell zu den Übereinkünften in Wissenschaft und Politik. Insofern schön und provokant zugleich.

Aber das Eigene, das Fremde und das Noch-nicht-zu-Benennende nicht im Widerspruch zu begreifen und bereichernde Kulturerfahrungen gegenüber kultureller Distanzen zu betonen, ist der Künstlerin ein anhaltendes Bedürfnis. Susanne Kessler betreibt Heimatforschung, die statt Abgrenzung Interaktion im Blick hat.

 

Text von Christoph Tannert zum Katalog „About Roots and Borders“, Conseil d’Europe 2020