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So gut wie nie entsteht das Große allein, allemal vielmehr findet es sich begleitet vom Kleineren, in dem es sich klärend formulierte, und dem endgültig Vereinzelten mag hier die Menge entsprechen. Und ist diese früher oft genug als bloß dienstbar außer Betracht gehalten worden, um den Blick aufs definitive Werk zum unvermittelten Erlebnis werden zu lassen, so hat eine erweiterte Ästhetik ebenso sehr wie ein Arbeitsernst, der jedem Ergebnis überhaupt Endgültigkeit zugesteht, dem, was Studie sein könnte, das ganze Gewicht der Zuwendung gegeben, die ein eigenständiges Werk erfordert, und die Begleitung in den kleinen Dingen ist ein gleichwertiger Weg, und diese sind um ihrer selbst willen da und zu würdigen wie alles sonst. Klein, aber meist auch im Kleinen groß angelegt, nähern sie sich nur äußerlich dem, was aus anderer Gesinnung und ausschließlicher Befasstheit kleinmeisterlich ist in Detail, Vertiefung und Dichte. Ihre Botschaften vielmehr sind lesbar wie die Bilder, mit dem sich weitenden und umfassenden Blick; auch Zeichnen hier ein vor allem malerischer Akt ist oder ein bildhauerischer, der Graphik eher ein Gast.

Korrespondenzen: Dem in die Fläche gemalten Bild entspricht das Blatt, das bezeichnete und bemalte, dem raumgreifenden das Buch, das man hin und her durchblättert, wie man die malerische Installation durchschreiten mag auf wechselnden Wegen. Und in ihrer Fülle und der Vielfalt ihrer Beziehungen untereinander sammeln sich Blätter und Bücher zu Bibliotheken, der Ausbreitung entspricht die Kondensation, Botschaft summiert sich. Im Verbund dargeboten, erweisen sich auch die aufeinander bezogenen Einzelblätter im gleichen Format und in der Gemeinsamkeit der Arbeitsweise als ein Corpus. Was im Großen vereinzelt bliebe oder durch beziehungsreiche Anordnung räumlich zu einem einstweiligen Ganzen würde, im Kleinen und aus der atemhaften Wiederholung der schöpferischen Geste tendiert es zum Zyklischen. Statt des großen Blicks, der simultan das Ganze erfasst, indem er vor sich hin sieht, ist es hier der wandernde des Lesenden. Der Betrachter wird stillgestellt, es schreiten nur die Augen noch, auch er hat sich zu sammeln.

Susanne Kesslers Papierarbeiten—die reinen, denn auch in ihre großen Bilder und ihre Installationen ist oft Papier einbezogen — entstehen aus malerischem wie aus raumschaffendem Impuls. Sie sind kraftvoll und körperbetont sowohl in der Formbildung wie im Setzen der eigenen Spur. Malerisch mehr als zeichnerisch ist der Strich, mit dem Pinsel meist; raumschaffend ist die Situierung der Formen in der offenen Fläche und eine Wechselbeziehung in die Tiefe, die sich aus Schichtung und Überlagerung ergibt. Obwohl sie eher gewichtig sind, scheinen sie zu schweben, unverankert, ungleichgewichtig und, wenn sich eine solche ergibt, eher zufällig hier und da in orthogonaler Fügung und so gut wie nie in ein—sei es auch unsichtbar — horizontal-vertikales Bezugsnetz gespannt. Eine Freiheit, die sich selbst behauptet, organisch hervor getrieben, apparativ verknüpft, gestisch in einer permanenten Tendenz, sich zu bewegen.

Das mag sich vor allem auf die Spontaneität des Machens zurückführen. Vom kritischen Blick zum Tun der Hand und von der Spur ihres Tuns zurück zu wägendem Schauen ist der Weg kurz. Das Bedürfnis, tätig zu sein, bestimmt das Zeitmaß, ein eher knappes, Kondensation. Versuche nicht mit dem zugestandenen Risiko des Leerlaufs, sondern auf ein je unterschiedliches, aber stets vorausgesetztes Gelingen hin. Blätter, Bücher, Bibliotheken: Sich selbst vor allem gibt die Künstlerin sich zu lesen. Lesen ist im Wortursprung mehr Wahl als Erkundung, Erkenntnis legt sich wägend aus Mehrdeutigkeit ins Angenommene fest. Hier nun, angesichts der Bilder, treffen sich das Tun und seine Reflexion im Ursprung der Dinge, an allem Anfang ihrer Genese.

Ein unmittelbares Zupacken bestimmt die Wahl der Materialien und Mittel. Stabil ist hier, bei den Einzel- blättern, nur das Vorgegebene der schweren Büttenbogen, die den Figurationen den Grund geben und in ihrer klaren, aber in der Faserung des Randes nicht ganz strikten Abgeschlossenheit den Freiraum. Begleitet von einzelnen, kursiv sich wiederholenden Strichen von Graphit oder Kreide, körnig und schütter auf der rauen Oberfläche, breiten sich die Pinselzüge satt und kräftig hin, nicht modulierend, sondern zeichenhaft Umriss betont. Hier konzertieren zwei Materialien miteinander: Asphalt und Tusche. Der Asphalt in seiner zäheren, zuweilen strähnigen Konsistenz, und in freierem Fluss die Tusche, die denn auch in Verdiinnung transparent. werden mag, lichtdurchlässig wie bei Durchleuchtung. Aber auch der Asphalt gibt sich variiert, in hellere Höfe sich ausweitend, die die Festigkeit der Stränge begleitend einfassen, vor allem aber im Durchschlag durchs Papier auch die Rückseite okkupierend, die, im weiteren Arbeitsgang nach vorn gewendet, mit neuem Auftrag ein Wechselspiel der Seiten durch die Dichte des Blattes hindurch bewirkt. Ein zusätzliches Element räumlich- körperlicher Spannung bringt sich dadurch ins Spiel, dass aus anderen derart bezeichneten Blättern markante Teile ausgeschnitten und in das Bild eingeklebt werden. Meist kontrastiert schon die glatte Festigkeit von Zeichenkarton mit der raueren Büttenfläche. Hat er bereits dem Strich weniger Widerstand entgegengestellt, so ist auch der Durchschlag des Asphalts von hinten her in größerer Dichte ein anderer. Vier Schichten also nun- mehr auf der einen sichtbaren Fläche und der unterschiedliche Duktus der Malstoffe selbst.

Da kann die Farbigkeit verhalten bleiben. Sie umfasst nicht mehr als den Kontrast zwischen der als warm empfundenen und der kühler wirkenden Erscheinung der einen Farbe Schwarz, die beim Asphalt in ein dunkles Braun sich wendet, bei der Tusche in ein helleres Grau übergeht. Über Grau und Braun also bemächtigt sich die schwarze Mal- und Zeichenspur der weißen Weite des Blattes, und das Streulicht der rauen Büttenfläche mag wärmend sich mischen mit dem kalt zurückgeworfenen Strahl von glatten Karton, den sie umfängt. Subtiles Zusammenwirken, ein gewissermaßen organisches. In flächiger Dichte und linearer Lockerheit, im Wechsel von Geflecht und Vereinzelung, im pulsenden Drang des Geäders und in ihrer körperhaften Schwere, die dennoch schwebt wie in ein weißes All geschleudert, sind diese gestalteten Wesenheiten von suggestiver Gegenwärtigkeit und Nähe. In Bild und Gleichnis bezeugen sie die drängende Lebenskraft selbst. Und der wandernde Blick, wie im Blättern sich vertiefend, mag der Tiefe inne werden, die sich aus ihr auftut.

 

Text von Franz Joseph van der Grinten zum Buch “Susanne Kessler – Der Ursprung der Dinge“, Galerie Epikur, Wuppertal 1994