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Es gibt im Werk Susanne Kesslers manches, was sie mit anderen Künstlern ihrer Generation teilt: Die Übergänge zum Beispiel zwischen Zeichnung, Malerei und Objekt. Auch die Art ihrer Bildkomposition gehört hierher, nicht zentriert oder mit Schwerpunkten, die das Bild eindeutig strukturieren wie es zuletzt noch alle expressive Kunst gemacht hat. Vielmehr ist die Bildform offen, besitzt eine Unabgeschlossenheit, die häufig über den Bildrand hinaus fortgeführt werden könnte. Nahezu alle Malerei der 9. Documenta ist von dieser Art.

Dennoch erfährt, wer ihr großes Wuppertaler Atelier betritt, durchaus etwas Neues. Wie ein Zeughaus ist mir die helle Jugendstil-Fabrik vorgekommen, in dem etwas vorbereitet wird, eine Art Aufbruch schon im Gange ist – das ist die eine Richtung. Zugleich begegnet man aber auch Gesammeltem. Die Malbücher mit ihrer intensiven Farbigkeit sind wie Quellen, bei denen man ja auch von Aufbruch sprechen darf, für die aber doch zugleich ihr bleibender Ort wesentlich ist.

Werden die farbigen Papiere und Tücher gespannt wie zum Flug, oder wird die große Ausfahrt eines Seglers vorbereitet? Oder dehnt sich alles nur aus wie es die Welt tut – handelt es sich nicht tatsächlich auch um eine Art Entstehung von Welt? Oder ist der Aufbruch ganz anderer Art, nicht nach außen, sondern nach innen? Verschlingungen und Höhlen sind unübersehbar, und erscheinen die Formen nicht wie Teile eines Organismus? Könnte also ein Inneres zum Aufbruch bereit sein? Geben vielleicht Gemüt und Gefühle einerseits, die Dinge und Landschaften andererseits im Bild ihre je getrennten Lager auf, so dass der Gegensatz einer Bewegung nach Außen und einer solchen im Inneren nur ein einziger Atem ist, als eine einzige Figur erscheint?

Es ist schon merkwürdig, was man diesem Werk alles zutraut. Überraschenderweise hat Susanne Kessler 1989 zu ihrem „Farbkarussell“ einen Text von August Stramm zitiert, dem schon 1915 gefallenen Autor des „Sturm“. Damit berührt sie jene künstle­rische Aufbruchssituation zu Beginn unseres Jahrhunderts, der die Sammlungen der Städtischen Galerie Albstadt besonders zugewandt sind. Impuls jenes Aufbruchs war die Sehnsucht nach einer neuen Einheit von Vitalismus und Geist. Der zitierte Text aber interpretiert Geist nicht als Wille zur Macht. In quasi dadaistischer Wortfindung spricht er vom Werden und Kreisen, von Tränen und Raum. Es ist das ein Lebens­gefühl, das mit Betroffenheit die Fülle der Welt wahrnimmt und das eigene Dasein als deren Werden versteht, ohne es herrisch verwirklichen zu müssen. „Ich empfinde mich als Instrument der Natur“ (Susanne Kessler). Aber eben dies ist eine menschliche Entscheidung, deren Bedeutung und Reichweite in den Farben und Rhythmen, in den Brüchen und Verbindungen der Bilder und Objekte sichtbar wird.

Künstler der Moderne sind fast immer zugleich Kritiker und Seismographen ihrer Zeit. Die breite Aufmerksamkeit, die das Werk Susanne Kesslers in wenigen Jahren gefunden hat (Paul-Strecker-Preis Mainz 1992) hat in dieser Qualität ihrer Arbeiten ihren Grund. Sie lässt den Einfluss von Nöten wie Hoffnungen auf die Formfindung zu, natürlich nicht illustrativ, sondern als Last und Leichtigkeit der Form selbst.

 

Einführungstext von Dr. Adolf Smitmans, Direktor der städtischen Galerie Albstadt (inzwischen Kunst Museum Albstadt) im Katalog zur Ausstellung „Susanne Kessler_ Zeichnungen und Konstruktionen“, Albstadt 1992