Warning: Undefined array key "HTTP_REFERER" in /home/www/susanne-kessler/wp-content/themes/divi-child/single.php on line 35

Susanne Kessler ist Malerin, das heißt, sie macht etwas mit Farben und Linien sicht­bar – daran ist zu erinnern, da jetzt am Anfang und Ende dieses Katalogs Fotos der beiden großen Einrichtungen stehen, die sie zuletzt gemacht hat. Umgekehrt ist es hilfreich, bei den Bildern, welche die Ausstellung ausmachen, an diese beiden Objekte zu denken. Sie sind zweifellos Höhepunkte des bisher schon so reich strö­menden Werks. Aber sie ersetzen es nicht, sondern verdeutlichen seine Themen und seine Notwendigkeit.

Zur 50-Jahr-Feier der Befreiung vom Nazifaschismus hat Susanne Kessler mit anderen Künstlerinnen und Künstlern an der Küste Jütlands (Dänemark) gearbeitet. Vorgegeben war ein Kampfbunker, der dort noch immer in den Dünen steht. Susanne Kessler, die seit Jahren vor allem in Italien lebt, hat dem Beton eine sehr große „Bilancia“ (Waage) aufgesetzt. Das ist ein weit ausschwingender Angelstock, an den die Fischer des Ti­berdeltas ein großes offenes Netz hängen und ins Wasser lassen. Auf das Netz hat Susanne Kessler eine große bemalte Nesselform genäht, die überdimensional For­men und Gänge des menschlichen Innenohrs abbildet. Von der Düne aus gesehen hängt diese Form über dem Sandstrand und vor der Weite des Meeres. Die ausgrei­fende Leichtigkeit und Durchlässigkeit der „Bilancia“ kontrastiert die Schwere des Bunkers. Zugleich steht die konkrete Doppelform von Bunker, Stange und Netz in Spannung zur Grenzenlosigkeit des Wassers. Wer mit dem Meeresstrand vertraut ist, der wird auch angesichts der Stille des Betons und des, großen Ohr-Netzes das Meer hören und den Wind im Dünengras. Dem tödlichen Schweigen des Bunkers wird eine weit ausgreifende Geste des Hörens entgegengesetzt an der Grenze von Wasser und Land, die als eine sehr frühe Voraussetzung der Menschwerdung entstand. Das Hören verwandelt und öffnet das Schweigen, und es gilt dem Ganzen. Kampf­beton und die Unfähigkeit zu hören sind als zentrale Attitüden des Faschismus überwunden.

Das Schlussbild des Katalogs zeigt das „Labyrinth“ von 1992/93 in einen Stein­bruch gestellt, vor den Susanne Kessler auch schon ihr „Zelt“ (1989) gestellt hatte. Unter einem Labyrinth versteht man sonst einen derart in Sackgassen geführten Weg, dass die Gefahr besteht, sich zu verirren, schon gegangene Wege zu wiederholen, keinen Ausweg zu finden. Bei Susanne Kesslers Labyrinth mögen die teils weiterfüh­renden teils sperrigen Stangen Ähnliches bedeuten. Aber auch die daran hängenden Stoffe, mit Formfragmenten bemalt, bilden ein gestisches und tatsächliches Chaos, zugleich freilich eine überaus reiche Vielfalt von Ein- und Durchblicken. Vielleicht ist die Assoziation an einen Kreuzweg mit seinem Niederfallen und Aufrichten so abwegig nicht, hat Susanne Kessler doch vor und während dieser Arbeit das Thema des Kreuzes beschäftigt. Keine Konstruktion der Künstlerin zuvor zeigte derart scharfe Zuspitzungen und zerrissene Fragmente. Die Welt Susanne Kessler ist jedenfalls nicht die des harmonisch-weiblich Gerundeten, und einen anderen Ausweg lässt dieses Labyrinth nicht zu, als sich als einen Teil davon zu erkennen.

Die beiden großen Arbeiten zeigen, dass Susanne Kessler keine Formalistin ist, die ihre Kunst außerhalb von Politik und Lebenswelt macht. Das sieht man auf ihren zum Teil sehr großen Bildern für die Wand, auf Nessel oder Papier gemalt und gezeich­net, nicht sofort. Zwar gibt es da noch heute manchmal Erinnerungen an Figuren und Gegenstände, aber diese sind nicht das Thema der Bilder, sondern dienen wie Far­ben und Linien der Form, auch der „Temperatur“ des Bildes und vor allem dem Aus­druck des Themas, das Lust, Rätsel, Verletzung, Begegnung und vieles andere mehr sein kann. Susanne Kesslers Formensprache ist reich: von einer Welt glühender Far­ben hat sie sich zuletzt mehr ins Zeichnerische gewendet. Aber auch Collagen sind wichtig, meist als Einklebungen von Formen anderer Bilder, aber auch von Dingen, schließlich mit Überhängungen und Verhüllungen.

Susanne Kessler malt sehr persönliche Bilder. Die Kritik hat von „gewaltigen Gefüh­len und außerordentlichen Stimmungen“ gesprochen. Aber es ist doch hinzuzufügen, dass diese Gefühle gelebtes Leben sind und Erfahrung der Welt: Es gibt unendlich vieles, es ist unsagbar schön, es steigert sich, es geht nur mit Spannungen zusam­men, es gibt Lücken und Löcher, es ist nicht immer zu erkennen, ob die Lücken und Löcher Verluste sind oder offene Möglichkeiten oder einfach Voraussetzungen, damit etwas erscheint als das, was es ist.

Dagegen ist offensichtlich das Umgrenzte und Abgeschlossene Susanne Kesslers Sa­che nicht. Damit hängt auch die Entwicklung ihres Werkes vom Bild an der Wand in den Raum zusammen, ebenso die Bildung von Bildreihen und die Bemalung von Fahnen und Bezeichnung von langen Papierbahnen. Was es aber natürlich gibt, ist Begrenzung, ohne die keine Form entsteht, und Susanne Kessler zieht sie oft mit kraft­vollem Strich oder schneidet sie gar in Stoff oder Papier. Klar, dass diese Begrenzung ihre eigene ist, gewollt oder erlitten, für jetzt und notwendig für diese bestimmte Form. So aber zeigen ihre Bilder eben doch nicht Gefühle allein, sondern ebenso Entscheidungen. Unterscheidungen auch, sind nicht nur ein sinnlich-emotionales, son­dern ein zugleich geistiges Ereignis. Dafür gewinnen sie ihre künstlerische Form.

Während sich aber die sinnlich-emotionale Gebärde für jetzt und für ein konkretes Bild in der Form selbst begrenzt, bleibt ihr doch auch eine darüber hinausdrängen­de Dynamik. Es ist diese auf Überschreitung der Begrenzung angelegte Kraft gewiss eine der auffallendsten Qualitäten des Werkes Susanne Kesslers, die auch den Betrachter zu berühren und zu bewegen vermag.

Vielleicht ist hierin aber in den letzten Jahren eine Veränderung eingetreten, wie sie die Zurücknahme der Farbe anzeigt, ebenso eine mit „gezeichnetes Stück“ bezeich­nete Werkgruppe, in der das dynamische Geschehen in Malerei und Collage durch eine Überdeckung mit Gaze dem unmittelbaren Anblick entzogen wird. Schließlich gehören jene Überklebungen und Überlappungen hierher, in denen der Betrachter die gemeinte Form erst aufdecken muss. Aber es ist wohl so, dass alle diese Ver­deckungen vor allem einem Missverständnis der bildnerischen Kräfte allein als Aus­druck vitalistischer Prozesse widerstehen sollen. Wo aber, wie in den Übermalungen dieses Katalogs, Innenohrmuschel und Trommelfell des Menschen gegen Armierungs- ­und Lagepläne eines Kampfbunkers gesetzt werden, hat das Problem der Begren­zung längst aufgehört nur ein solches der persönlichen Lebensgebärde zu sein, wird es zum Problem des Lebens überhaupt zwischen erstarrender Selbstbehauptung und Lauschen auf jenen kosmischen Impuls, der sich in unserem Leben individualisiert. Noch immer ist die Form Ausdruck der Lebensgebärde, aber sie verweist jetzt über die Emotionalität hinaus – ohne diese zu verleugnen – auf das Existenzverständnis.

Als ich vor zehn Jahren erstmals Arbeiten von Susanne Kessler sah, war ich von ih­rem Vertrauen in die Vermittlung von sinnlicher Emotionalität und Geist in der Farbe betroffen. Seitdem ist manches karger und strenger geworden. Aber es ist ja auch die Behauptung des Innenohrs im Armierungsplans des Bunkers keine leichte Sache, zumal seine Form soviel komplizierter erscheint als militärtechnische Ordnung. Doch noch immer ist sie fließend bewegt, und das Trommelfell ist ihr wie eine Art Blüte hinzu gewachsen.

Dass wir eine solche künstlerische Erfindung verstehen, gehört zum Wunderbaren un­seres Daseins ebenso wie, dass uns jenseits aller Funktionalität Farbe anrührt, oft in einer Tiefe, von der wir selbst vorher nichts wussten. Für solche Erfahrungen sucht Su­sanne Kessler eine geistige Behauptung in der sichtbaren Form. Sie tut das ohne Tricks und ohne Netz, erstaunlich unabgelenkt durch das Auf und Ab der Kunstsze­ne. Das meine ich, wenn ich diese Kunst notwendig nenne.

Ich weiß nicht, ob Susanne Kessler den Text von Nelly Sachs kennt, dem ihre Gestal­tung in Jütland so nahe erscheint. Er beginnt: „Lange haben wir das Lauschen ver­lernt! / Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen / Wie Dünengras gepflanzt am ewigen Meer…“ Es schließt: „Presst, o presst an der Zerstörung Tag / An die Erde das lauschende Ohr, / Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch / Werdet ihr hören / Wie im Tode / Das Leben beginnt“.

(Verschiedene Biographien führen zu erkennbar unterschiedlichen Freiheiten. Die Bil­der sind nicht gleich. Aber der Widerstand gegen die Kraft der Zerstörung ist je vollkommen und radikal)

 

Katalogtext von Dr. Adolf Smitmans in „Susanne Kessler_ Goslarer Kaiserring-Stipendium 1995“, Ausstellung Mönchehaus Museum Goslar, 1995