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Sie stehen vor einem Bild und sehen in eine Welt als Vorstellung.

Sie stehen vor einer Skulptur und sehen ein Ding in der Welt.

Sie stehen in einer Architektur und werden selbst Teil dieser Welt.

Sie stehen hier in einer Installation von Susanne Kessler und sind Teil der Welt, sehen Dinge in ihrer Umwelt – und sehen zudem auch vorgestellte Welt, die Sie nicht betreten können, deren Raum versperrt, weil nur eingespiegelt ist.

 Eröffnungen an einem Sonntagmorgen stehen immer in Konkurrenz zum Kirchgang. Vielleicht sind sie aber auch Ersatz. Darum sei angesichts dieser uns umfangenden Installation von Susanne Kessler ein Ausruf des romantischen Dichters Thomas Moore zitiert, den dieser angesichts des riesigen Gemäldes „Gordale Scar“ von James Ward in der Londoner Tate-Gallery niederschrieb: „Oh, bringt den Atheisten hierher, als Atheist wird er nimmermehr zurückkehren!“ (Robert Rosenblum führt diese Stelle in seinem Buch „Die moderne Malerei und die Tradition der Romantik“ an.)

Also, bringt Kunstfremde hierher, sie werden als Gläubige der Kunst zurückkehren! Denn, auf Faszination ist diese Installation Susanne Kesslers ausgerichtet:

sie will begeistern,

sie will irritieren,

sie will erfahren sein,

sie will ebenerdig und aus der Höhe geschaut werden,

sie will, dass Sie sie sehen,

sie will, dass Sie sie erfahren und:

sie will, dass Sie sich bei dem Erfahren der Installation auch selbst beobachten, also Sie sich selbst erfahren….

 Konsequenterweise müsste an dieser Stelle diese Einführung enden. Zu eröffnende Sinnebenen sind skizziert, Interesse hoffentlich geweckt. Das imperative „Siehe!“ ist verkündet: Sehen Sie! – Seht! – Vertrauen Sie Ihren eigenen Erfahrungen! –

 Doch Susanne Kessler sowie Frau und Herr Riehle haben mich gebeten, doch noch den einen oder anderen Gedanken weiter auszuführen, Ihnen die eine oder andere Idee, wie über diese Installation kommuniziert werden kann, doch noch aufzureißen.

 Darum folgende Zeilen – vor allem selbstverständlich, um Widerspruch zu erwirken, um Sie auf die Füße Ihrer eigenen Erfahrungen zu stellen. Denn im Wort kUNSt steckt UNS! Es geht mithin beim Erfahren von Kunst immer um die je eigenen Erfahrungen – und dies bei nichtnarrativer Kunst insbesondere!

 Die erzählende Kunst verlangt noch, dass die von Künstlern oder Künstlerinnen eingebrachten Inhalte aufgefunden, erkannt und verstanden werden. Ohne diesen Schritt kann man die Transformation von Inhalt zu Gehalt durch Form nicht erfahren.

 Die sogenannt „nicht erzählende Kunst“ hingegen steht mit ihren reinen Formen für Gehalt. In ihr gilt es für Sie und für UNS, die Formen zu erkennen, sie zu durchdringen, sie sich bewusst zu machen, sich in sie einzubringen – und dies unter dem Horizont, aus der eigenen Erfahrung heraus den Gehalt zu erkennen!

 Sie sehen nun diese Installation. Man könnte von einem Gewirr an Raumlinien sprechen. Wobei wir Linien zuvorderst mit Phänomenen im Zweidimensionalen verbinden. Doch genau verstanden müsste man diese konventionelle Sichtweise korrigieren. Denn eine Linie ist wesenhaft eindimensional. Sie ist die „nur“ zu denkende, eigentlich nicht zu sehende Verbindung zweier Punkte oder die Spur eines wandernden, nulldimensionalen Punktes. Sehen wir mithin eine Linie, so sehen wir sie erst, wenn sie zweidimensional ihr Wesen als Eindimensionales aufgegeben hat. Warum sollen wir folglich nicht die Elemente dieser Installation als „Gewirr von Linien“, von dreidimensionalen Linien im Raum bezeichnen? 

 Und dieses „Gewirr von Linien“ berührt an vier Stellen oder Orten den Bodenspiegel. Die vier Flüsse sind Susanne Kesslers Assoziationbrücke zu diesem Verhalt. Und dies ist verständlich, wenn man wie sie in der Stadt des Vier-Flüsse-Brunnens auf der Piazza Navona, in Rom, lebt und arbeitet. Aber die Zahl Vier kommt auch in der Kirche vor – die Vierung. Und diese Vierung weist aus und über die Kirche hinaus in die Urbanistik, die von Quartieren, von Stadtvierteln spricht.

Diese Installation von Susanne Kessler gibt mithin gewohnten (man wohnt in Stadtvierteln) Halt im offensichtlichen Gewirr!

 Der Begriff des Bodenspiegels wurde gerade verwendet. So, wie es einen Wasserspiegel gibt, so gibt es hier einen Bodenspiegel. Und dieser wird an vier Orten vom Gewirr der Linien berührt.

 Denkt man an den Wasserspiegel, so denkt man an Narziss, der sich darin spiegelt. Und sucht er eine zu kleine Distanz zu seinem Spiegelbild, so mag er verwirrt ins Wasser fallen. Zuvor allerdings verliert er sein Spiegelbild, weil Distanz notwendig ist, um sich zu spiegeln.

 Auch diese Erfahrung gibt die Installation von Susanne Kessler zu erkennen. Sie spielt folglich permanent mit Abstand und Berührung, Nähe und Ferne, Faktizität und Illusion… Sie gibt die stete Oszillation zwischen faktisch Gegebenem und aktuell zu Erfahrendem zu erkennen – was wahrlich nicht identisch sein muss! Denn dieses Oszillieren vermag zu irritieren: aktuell sichtbare Ferne und Weite kann faktisch kurz und eng und nah sein – und vice versa!

 

Das Greifbare, so wäre zu konkludieren, verliert sich bisweilen im Nicht-Begreifbaren und das Nicht-Begreifbare wird haptisch greifbar – das Chaotische wird kosmisch, das Ungeordnete, das Wirre bisweilen rational verstehbar, das simpel Faktische aber auch optisch zum Wirren.

 Von TreibGUT und StrandGUT spricht Susanne Kessler gerne, wenn sie sich über ihre Installationen äußert. Welch’ positives Verhältnis zum Recycling den Sprachgestaltern schon früh zu Eigen war – oder welch’ positive Anschauung Susanne Kessler diesen linguistischen Finessen gibt.

 Zum Ende kommend: Sie sehen mithin TreibGUT und StrandGUT im chaotischen Kosmos – und das in weitgehend unvordenklicher Komposition!

 Sie befinden sich in einer architektonisch geschaffenen Situation, die durch Gewächse, durch Natur aufgebrochen und nun durch die Installation von Susanne Kessler, durch Kunst, dominiert wird. Wir – Architektur – Natur – Kunst: Wir haben wieder – wie bei dem Brunnen auf der römischen Piazza Navona, der Kirche und den Stadtvierteln – einen Vierklang! Wir haben mithin ein Ganzes.

 Und dieses Ganze verdankt sich einer profunden Unvordenklichkeit – denn Susanne Kessler hatte zwar eine Idee von ihrer Installation hier, nicht aber ein festes Konzept. Erst im Machen entstand diese Realität! Oder, um zu meiner ersten Zeile (Schopenhauer im Hinterkopf) zurückzukommen: Für die Vorstellung (Aufführung) der Installation mag Susanne Kessler eine bildliche Vorstellung (eine Grundidee) gehabt haben – vor-stellbar (modelhaft im Voraus aufzubauen) war sie nicht!

 

Rede (und auch Katalogtext) von Prof. Dr. Raimund Stecker zur Eröffnung der Ausstellung „Susanne Kessler – Mäander“, Dominohaus Reutlingen, 2014