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Sich bewegen. Langsam. Innehalten. Der Himmel und die Angst vor dem weiten, unbegrenzten Raum. Der warme Fels.

Das Zelt ist der dünne, schleierartige Schutz, mit dem wir uns fortbewegen können, ohne vom Himmel er­drückt zu werden. Es verhindert Stillstand, statisches Verwelken.

Das Zelt hat ein “Innen” und ein “Außen”, doch sie sind eins. Es kann ein hauchdünner, flüchtiger, fast nicht existierender Einschnitt des Luftraumes sein, oder anschwellen und massiv und schwer wie ein Fels werden. Dann ist sein Inneres eine Grotte: sie schützt vor dem Bekannten, doch droht mit dem Unbekannten. In dieser Verdichtung der Beziehung zwischen Innerem und Äußerem, zwischen dem Bekannten und der Vorstellungs­kraft vollzieht sich die künstlerische Arbeit von Susanne Kessler.

Wie schon in den früheren räumlichen Arbeiten der Künstlerin, entwickelt auch diese Arbeit eine Dimension außerhalb der ungefilterten Realität. Der Betrachter empfindet sich hineingestoßen in diese neue Wirklichkeit, die durchdrungen ist von den Gedanken und Realisationen der Künstlerin. Dieser sehr dicht gewordene Kosmos ist unerreichbar für Äußeres, der Künstlerin Fremdes. Der Besucher jedoch wird in diese Welt hineinversetzt und gleichzeitig getrennt von all seinen bisherigen Erfahrungen und Betrachtungsweisen.

Man könnte fast von einem totalen, undemokratischen, einem exklusiven Werk sprechen, wenn nicht durch die scheinbare Gefangennahme von dieser kompromisslosen Kunst Freiheit und Phantasie des Betrachters tat­sächlich und letztendlich erweitert würden.

 

“Über den geheimnisvollen Zusammenhang zwischen zwei so verschiedenen Dingen wie Teppich und Stadt hat man ein Orakel befragt. Das eine der beiden – lautete die Antwort – hat die Form, die von den Göttern dem gestirnten Himmel und den Bahnen verliehen wurde, auf denen die Welt kreisen; das andere ist nur ein annä­hernder Abglanz, wie jedes Menschenwerk.

Die Auguren waren sich seit langem sicher, dass die harmonische Zeichnung göttliches Werk sei; in diesem Sin­ne wurde das Orakel ausgelegt, ohne dass man Zweifel daran hätte aufkommen lassen. Doch ebenso gut kannst du die entgegengesetzte Schlussfolgerung ziehen: dass die wahre Stadt des Universums die Stadt Eudossia sei, wie sie ist, ein Klecks, der sich formlos ausbreitet, mit lauter kreuz und quer verlaufenden Straßen, Häusern, die eins über dem andern in dicken Staub stürzen, Feuersbrünsten, Schreien im Dunkel”. (Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte).

 

Das Zelt überspannt eine Fläche von etwa 18 Quadratmetern seine Höhe erreicht maximal drei Meter. Ein bizar­res Metallgerüst wird von einer geformten und bemalten Leinwand überdeckt. Eindeutig sind zwei verschiedene ma­lerische Einstellungen bei der inneren und äußeren Bemalung des Zeltes zu erkennen. Von außen strömen die Far­ben vielfältig und frei an der Zeitform entlang, fast wie Bergflüsse, die mit Getöse ins Tal hinabstürzen.

Die Beziehung zwischen äußerer Welt und innerem Raum wird bezeichnet und vermittelt durch eine Säule, die sich im Zentrum des Eingangs befindet. Von nun an wird die Bemalung weniger fließend. Farbfragmente und ruhige Flächen bieten Raum und Anstoß zur Meditation. Die Malerei bezieht sich im Innenraum bewusst auf die transparenten Flächen und durchscheinenden Farben. Durch das veränderbare Außenlicht (Tages­licht-Dunkelheit) wandeln sich die Farbstim­mungen im Zelt. So wird auf indirekte Weise ein weiterer Bezug zwischen Innen und Außen her­gestellt. Es bleibt aber als “natürlicher Überg­ang” der weit geöffnete Eingangsbereich.

Die Zeltkonstruktion kontrastiert und vervoll­ständigt gleichzeitig die vorherigen Arbeiten. Die Formen, die schweben und dem Betrachter eine von außen gelenkte Erfahrung vermitteln (der Rhythmus des Karussells, das sich durch einen Motor dreht), werden ergänzt von einem Objekt, das starke Gebundenheit und Verankerung mit der Erde ausdrückt. Das Erfahren des Objekts ist der Initiative des Betrachters anvertraut. Auch beim “Zelt” fehlt nicht die deutliche dynamisch aufstei­gende Komponente; allerdings erscheint sie ge­bundener, gefesselter. Am Ende kriecht es fast ganz in die Erde zurück. Dort bieten Nischen und räumliche Enge dem Betrachter die Möglichkeit, sich von Malerei umhüllen zu lassen. Das, was er sieht, kann geistige Affinität, Sehnsucht erzeu­gen oder auch Uneinigkeit und Beunruhigung.

Das Zelt will nicht die Eintracht der Gefühle hervorrufen, aber Bereiche neu entdecken, die vom grassierenden Materialismus und von der Gleichschaltung der Werte verschüttet worden sind.

“Dies ist nicht das Zelt der Nomaden, wel­ches ich ohnehin nicht konzipieren könnte (auch wenn es mich zutiefst fasziniert), sondern meine innerste Sehnsucht und Vorstellung von einem Raum, in dem Gedanken wahr werden”.

 

Text von Bruno Torani zur Ausstellung “Susanne Kessler _Constructions and Drawings” , October Gallery, London, 1991