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1,

Seit drei Jahren liege ich schlafend auf dem Rücken meines Vaters, dem Kentaur,

hingestreckt bot er seinen Körper mir als Ruhekissen. Jetzt hat er mich geweckt.

 

2,

Sein unverhoffter Blitz zerschmetterte keine Bäume noch traf er die Erde,

er zerstörte keine Glockentürme, sondern zerbrach mein Herz. Ich nehme Abschied, meine Freundin, Zeit hat keine mildernde Wirkung,

uns dient sie nur auf dem Wege zur Zehr.

Ich breche auf meine Freundin, und hinterlasse dir zu deinem Werk diese Zeilen,

die meiner Betrachtung entsprungen sind.

 

3,

Du Riesin verlässt Mann und Kind und flüchtest mit Tauen, Zeitungsausschnitten, Eisenstücken und andern Materialien, um im Wald riesige Kunstwerke zu schaffen,

unbrauchbar, mit der Natur amorph verbunden und zugleich von ihr losgelöst.

Niemand darf sich ihnen nähern, weder dein Riese noch der kleine Riese.

Anderswo würde ihnen deine Liebe gehören, hier aber hast du dich mit dem Kosmos verflochten.

 

4,

Jetzt ruhst du still, dein Raunen ist abgeklungen, du empfängst deine Freunde,

höflich und heiter bietest du ihnen Getränke aus Blut und Zedernholz, aber nur im Traum.

Beim Erwachen graut dir beim Gedanken an menschlichen Geruch.

 

5,

Du verspürst den Geruch von Tieren im Wind, eine schwarze Katze flieht auf dein Kunstwerk und zerstört deine Schriftzeichen,

mit Mühen erklimmt sie das Krokodil und zeigt ihr Gesicht, bäumt sich auf mit gespreizten Pfoten und gefletschten Zähnen.

Der hochmütige Löwe behält dich von weitem im Blick, die Giraffe nähert sich im Versuch deine Wange zu küssen.

Du spürst ihre Liebe, den dir ähnlichen, dennoch andersartigen Geruch von Erde, Sonne, Feuchtigkeit, von Moos.

Du fasst den Entschluss zu vertrauen.

Doch dann hüllst du dich in ein kobaltblaues Tuch und fliehst weit fort, an einen anderen Ort, zu einem anderen Kunstwerk.

Nun bist du in der Wüste angekommen.

 

6,

Jetzt bist du allein, schickst dich an ein neues Kunstwerk zu schaffen, du hörst ein Glöckchen sich nähern, begleitet von einem Raunen und einer Flamme, die sich in der Luft entfacht.

Ein alter Einsiedler schreitet mühselig voran, von einem kleinen Schwein gefolgt.

Zu seiner Rechten wächst das Feuer weit in den Himmel, er grüßt mit seinem Blick, der auf der Erde haftet und verschwindet in einer Wolke aus Sand.

Du schaffst immer weiter im Sturm, der die Landschaft verändert,

hüllst dich fest in deinen Schleier und atmest keinen Sand, dein Werk dient als Grotte und schützt dich.

Der Sturm ist vorbei, im Vorbeikommen springst du auf ein Dromedar und entfliehst an weitere Orte.

 

7,

Das Meer; du sammelst Muscheln im Sand, Baumstämme, Reste von einem Schiffswrack,

Beinknochen von alten Seeräubern, und du beginnst ein neues Werk „Das Boot der Abreise“.

Mal zeigt sich im Meer eine Brasse, dann grüßt dich ein Delfin,

ein kleiner Walfisch schafft dir einen Springbrunnen in der Ferne.

Aus deinem mittlerweile verblassten und aschgrauen Mantel baust du ein Segel und fährst hinaus aufs Meer.

Das Meer ist ruhig und spiegelglatt, dann bäumt es sich auf und es kommen Winde und Stürme.

Du versuchst das Boot zu steuern, fühlst dich wie Drake, der Korsar, doch gelingt es dir nicht, das Boot zu halten;

ergibst dich deinem Schicksal, richtest deinen Blick auf den unerbittlichen Himmel.

Und nimmst nicht mehr wahr, wie eine Sirene und ein Triton dich aufgreifen und dich weit fort bringen vom Sturm.

An einem Ort der Einsamkeit und des Friedens, auf dem Packeis des Nordpols, findest du dich wieder.

 

8,

Bei gleißendem Licht möchtest du das Eis behauen, versuchst es sofort, ohne Werkzeug mit bloßen Händen, aber sie bluten.

Du findest Überbleibsel von 1928, Nobile’s Nordpol-Expedition mit dem Luftschiff

ein Eispickel, eine Lampe, große Nägel und die von dir geliebten Seile. Jetzt kannst du schaffen.

Ein Narwal taucht auf bricht seinen langen Stoßzahn ab und schenkt ihn dir.

Jetzt kannst du formen, meine Freundin. In der Nacht wärmt dich der Eisbär, damit du nicht vor Kälte erstarrst, es kommen die Inuit mit ihren Essenzen und Öllampen, um deine langen Nächte zu erhellen.

Du formst im Eis, Tag und Nacht, und langsam vergehen die Jahreszeiten.

Du fährst immer fort, wenn auch nie zufrieden, doch nun finde zur Ruhe.

 

9,

Meine Freundin, ruhe dich aus auf dem Rücken meines Vaters, dem Kentaur,

dem Platz, den ich für dich frei gelassen habe, und träume meinen Traum weiter.

 

Heute an Pfingsten, dem 24. Mai 2015, für dich, Susanne Kessler

 

Text von Vincenzo Mazzarella für das Buch „Susanne Kessler – Framing Space“ erschienen zur Einzelausstellung im Museum American University / Katzen Art Center in Washington DC, 2015