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Die Werke von Susanne Kessler, Bilder, Zeichnungen und raumdurchdringende Installationen, die aus vielfältigen Materialien wie Stoffen, Metalldrähten und unterschiedlichen Papieren gefertigt sind, stellt die Künstlerin immer wieder zu neuen raumbezogenen Kompositionen zusammen. Sie nennt sie “Konstruktionen”. Es handelt sich dabei um temporäre variable Arbeiten, die stets vom jeweiligen Ausstellungsort leben. Das Projekt “Spiegeldrahtinstallationen” wurde eigens für einen Ausstellungsraum im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm konzipiert, dabei ließ sich die Künstlerin, wie bei allen anderen Projekten, von der Architektur inspirieren. Über eine in mehreren Windungen nach oben führende Rampe gelangt man in die Galerie des Museums, ein langgestreckter Raum, der sich in mehreren großen Fenstern zur Foyerhalle hin öffnet. Den schlauchartigen Charakter greift Susanne Kessler auf, indem sie insgesamt zehn Zellen aus Eisengerüsten, die ineinander verschraubt sind, hintereinander auf der ganzen Länge der Galerie aufreiht und mit Drahtmatten ineinander verspannt. Die Seiten dieser etwa lebensgroßen Zellen hat sie mit Spiegeln, polierten Metallplatten versehen, die die Konstruktion des Drahtgeflechts scheinbar ins Unendliche fortsetzen. “Spiegel-Draht-Zellen” nennt die Künstlerin ihr Werk, das dem Betrachter ein verwirrendes Spiel von ineinander verschachtelten realen und irrealen Räumen, Winkeln und schiefen Ebenen vor Augen führt. Schreitet der Besucher an diesen Drahtzellen entlang, so eröffnen sich ihm ständig neue Perspektiven, sich immer wieder verändernde, wechselnde Ein- und Ausblicke. Mit seinem sich stets veränderten Spiegelbild wird er selbst Teil der Installation und verleiht ihr durch seine fortschreitende Bewegung eine wechselnde Erscheinungsform. Die klaren, festen Formen der Eisengerüste werden durch das transparente, weitmaschige Drahtgeflecht gleichsam wieder aufgelöst, starre Formen liegen neben sich verflüchtigenden Bewegungen… “Der Blick geht durch ein Dickicht von Drahtverflechtungen hinein in etwas Inneres wie Adern-, Nerven- oder Lebensstränge oder sich im Spiegel verlierender Fährten. Je nach Lichteinfall entsteht ein Gefühl von stacheliger Undurchdringbarkeit, aber auch leicht schwebender Auflösung…”, so beschreibt Susanne Kessler selbst ihre Spiegeldrahtinstallation, ein vielschichtiges, mehrdeutiges Gebilde, das die Erinnerung an Stillstand und Bewegung hervorruft, dem Betrachter die Frage nach Schein und Sein stellt, seine Gedanken auf die Veränderung und Vergänglichkeit des Lebens lenkt.

Das filigrane Drahtgeflecht, das in seiner Feinädrigkeit an das feinnervige Gewebe eines Spinnennetzes erinnert, führt in einen scheinbar unendlich tiefen Raum, vermittelt die Illusion einer nie aufhörenden Bewegung, und dennoch ist der Betrachter gleichzeitig wie hinter einem Gefängnisgitter eingeschlossen. Schreitet er an dem Maschengeflecht entlang, so erscheint er in den Spiegeln hinter dem Gitter gefangen. Es ist wie in einem Labyrinth, wie in einem Irrgarten mit seinen sich kreuzenden Gängen und ineinander verschachtelten Wegen, aus denen der Mensch nie wieder hinausfinden kann oder nur einen Zugang zum Zentrum bzw. wieder zum Ausgang hat. “Das Bild einer verdrahteten Zelle, hier zusätzlich in einem verdrahteten Gang, beinhaltet für mich Restriktion und Gefangennahme, die vielfältig gespiegelten Verflechtungen, konträr dazu eine Öffnung zum umgebenden Raum und zu den sich um das Objekt herum bewegenden Betrachtern…” erläutert die Künstlerin ihre Drahtkonstruktion. Der Doppelsinn ist gewollt und beabsichtigt, allerdings bleibt es der Phantasie des Betrachters überlassen, welchen Weg, -ob den geradlinigen oder den labyrinthischen-, seine Gedankengänge nehmen. Susanne Kessler treibt ein ironisches, hintersinniges Spiel mit der Phantasie des Betrachters, indem sie mit der artifiziellen Konstruktion des Drahtgeflechts eine phantastische Wirklichkeit schafft. Es ist daher kein Zufall, dass die Spiegel, die die Künstlerin zum ersten Mal in einer ihrer zahlreichen Installationen verwendet, zu einem zentralen Bestandteil dieses “Kunstwerkes auf Zeit” werden. Der Spiegel gilt seit antiker Zeit als ein Symbol für menschliche Eitelkeit, aber auch für Selbstreflexion und Prüfung des eigenen Gewissens.

In zahlreichen Possenspielen halten die Narren als Spaßmacher und Spötter mit hintergründigem Witz und versteckter Weisheit den Menschen im wörtlichen Sinn den Spiegel (ihr häufiges Attribut), vor Augen. Die Spiegel reflektieren (spiegeln wider) die reale Welt, die Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung. Im übertragenen Sinn reflektieren auch die Menschen selbst die Welt, den Kosmos und die Natur in ihren ursächlichen Zusammenhängen und inneren Strukturen. Spiegel reflektieren die Welt und ihre Wirklichkeiten jedoch nur in scheinbarer Wirklichkeit. Sie sind virtuelle Bilder, die sich durch technische Raffinessen vergrößern, verkleinern oder verzerren lassen. Auch Susanne Kessler hält den Menschen den Spiegel vor, als ein faszinierendes Phänomen; sie appelliert an die Spontaneität und Risikobereitschaft des Betrachters, sich auf das irisierende, reflektierende und gleichzeitig verwirrende Spiel mit dem Spiegel einzulassen – eine ironische und hintergründige Auseinandersetzung mit der heutigen Alltagswelt und -kultur.

 

Text von Dr. Ellen Schwinzer zum Ausstellungskatalog „Susanne Kessler – Flechtwerke“, zu den Ausstellungen California State University Stanislaus / Gustav-Lübke-Museum Hamm / Stadtgalerie im Elbeforum, 2002