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Die vorliegenden Zyklen von Zeichnungen wurden von Susanne Kessler in den Jahren 1987 und 1989/90 ausgeführt. Dem Betrachter erschließen sich Beziehungen und Entwicklungsverläufe aus den Abfolgen der Teile einer Serie. Das gilt auch für die “Wellenbänder” (Collagen in Tusche und Kohle auf Papier, 600×120), in welchen von Zeichnung zu Zeichnung zunehmend eine formale und tonale Verfestigung stattfindet. In der ersten Arbeit entwickeln sich aus ursprünglich rein graphischen Elementen – sensible Striche, Linien und Punkte, – Verdichtungen und Flächen: Gefüge, die sich verschieben, türmen, drehen, blockieren und wieder auseinanderdriften. Während den graphischen Werten hier noch die größte selbstständige Entfaltung zugestanden wird, entwickelt sich durch die zartbraune Grundtönung des zweiten Beispiels ein Zusammenschluss des Formengefüges. In der dritten Folgearbeit entsteht gar der Eindruck von Plastizität durch noch stärkere Lasur und Hell-Dunkel-Kontraste.

Alle diese Arbeiten sind nach dem sogenannten All-Over-Verfahren geschaffen. Bei dieser Methode der Bildgestaltung verteilen sich die kompositorischen Spannungselemente frei über die Bildfläche (im Gegensatz zur sogenannten Schwerpunktkomposition).

Das Bild könnte beliebig über seine formale Begrenzung hinaus fortgesetzt werden. Ein solcherart komponiertes Bild ist eigentlich ein Ausschnitt eines möglichen größeren Ganzen.

Auch bei den Zeichnungen, deren Kompositionsverläufe eindeutiger durchgeführt wurden, führen die Bewegungen des Bildaufbaus über das jeweilige Format hinaus. Damit erscheinen die Einzelarbeiten wie unbeendete Handlungssituationen größerer Ereigniskomplexe. Die absichtslos und wie spielerisch begonnenen Zeichnungen sind entweder wie in der eben genannten Folge figurativ oder wie in den Beispielen “Festliche Landschaft” (Kohle auf Papier, 196×248 cm) und “Vulkanische Landschaft” (Kohle auf Papier, 100×140 cm) von landschaftlichen Assoziationen beeinflusst. Sie offenbaren mit diesen Merkmalen einen metamorphischen Charakter. Dieser Eindruck häufiger Veränderbarkeit hat sicherlich auch eine Ursache in der Lust der Künstlerin am Experiment mit Materialien und graphischen Möglichkeiten. Da sind etwa die Kontraste der Kohle und Tusche in den Mischtechniken, die Effekte des rückseitig mit Zeichnung versehenen Collagepapiers, die getönten Partien der Lasuren auf den Wellenbändern, im Gegensatz zu nur graphisch behandelten Flächen. Die Breite der Variationsmöglichkeiten von Grautönen und graphischen Reizen scheint unerschöpflich. Ein weiterer Grund für die Wirkung von Veränderbarkeit und Umformung liegt im sogenannten automatischen Schreiben, dem unbewussten kreativen Prozess, als auch in den häufigen Störungen und Unterbrechungen, welche die Künstlerin vornimmt. Es entstehen unterschiedliche räumliche Gefüge, Schichtungen, Brüche im Bewegungsfluss, wie geologische Verwerfungen oder Verteilungen und Verdichtungen.

Nicht umsonst haben diese Zeichnungen etwas mit Landschaftsformen, aber auch mit Körpern und mit seelischen Empfindungen zu tun.

Das ständig verändernde Moment in der Bildgestaltung ist vielleicht zugleich ein permanentes Hinterfragen der momentanen Befindlichkeit durch die Künstlerin. Darüber hinaus ist ein Zusammenhang mit der über das Format ausgreifenden Kompositionsweise und der Entwicklung zu ausgedehnten Folgen von thematischen Serien bei der künstlerischen Gestaltung im Zusammenhang mit der phänomenologischen Wahrnehmung zu sehen. Dieser Begriff (phänomenologische Wahrnehmung) beinhaltet, dass in einem Wahrnehmungsmoment eines Individuums Eindrücke aus zurückliegenden Erlebnissen mit den gegenwärtigen Erlebnissituationen Zusammenwirken. Auf das Sehen übertragen ist dieser Begriff als phänomenologisches Sehen mit der Bildenden Kunst in Verbindung gebracht worden.

Die Übertragung dieser Sehweise in der Bildgestaltung der Landschaftsmalerei geht in Europa auf Paul Cezanne zurück. In Ostasien ist diese Form des Sehens immer Grundlage der Bildkomposition gewesen.

Als Kulmination innerhalb der ostasiatischen Kunst gilt die reine Tuschemalerei, bei welcher auf jegliche Farbgebung verzichtet wird. Die edelste Bildgattung ist die Landschaft.

Wesentliche Eigenschaften von Susanne Kesslers Zeichnungen lassen einen Vergleich mit ostasiatischer Tuschemalerei zu: die absichtslose Gestaltung, der metamorphische Charakter, das Format der schmalen Hänge – oder Querrollen, die Komposition mit unterschiedlichen Blickpunkten und Sehebenen, ein relativ hoher Grad der Abstraktion und eine große Autonomie der graphischen Qualitäten.

Bewusst hat Susanne Kessler sich mit ostasiatischer Kunst nicht auseinandergesetzt. Die ostasiatischen Bilder sind im Gegensatz zu den Arbeiten der Malerin auch nicht in dem Sinne abstrakt, dass sie den Gegenstand, bzw. die Landschaft nur als assoziatives Erinnerungsrelikt enthalten können. Darüber hinaus arbeitet Susanne Kessler in Mischtechniken und experimentiert sowohl mit Materialien als auch mit europäischen graphischen und malerischen Techniken von Kohle, Blei, Feder, Deckfarben, Collage – und Transparentpapier etc.

Im sogenannten abstrakten Expressionismus haben sich Maler wie Jackson Pollok oder Mark Tobey mit der ostasiatischen Malerei befasst. Im malerischen Vorgang entdeckten sie die Verbindung von Spontaneität, Konzentration, Unbewusstheit und meditativer Gesamtschau.

Da die künstlerische Herkunft Susanne Kesslers über ihren Studiengang auf das deutsche Informel zurückzuführen ist (Meisterschülerin bei Gerhard Bergmann, Berlin), sind diese Kriterien berechtigter Weise Bestandteile ihrer künstlerischen Arbeit. Inwieweit der im Mainzer Katalogtext (von W.

Venzmer) erwähnte Indienaufenthalt der Künstlerin eine unterschwellige Bereitschaft zur geistigen Annäherung an die östliche Position mit sich bringen könnte, muss hier ungeprüft bleiben.

Im wesentlichen Aspekt erzielt sie wie ihre beiden berühmten Vorgänger eine Übereinstimmung bei der künstlerischen Formulierung mit dem Wesen von Naturerleben.

Im Prozess des Malens und damit in den Bildern selbst ist die Künstlerin in Übereinstimmung mit dem Rhythmus der Natur, mit dem Atem des Universums.

 

Text von Dr. Marianne Ebersold zum Katalog „Susanne Kessler – Zeichnungen“, Kunstverein Solingen, 1991