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Eine Schwebebühne sozusagen jedes der Bilder. Durch den Anstoß der Hand in die Leere des Blattes gesetzt, verwandelt die Zeichenspur diese in einen Handlungsraum. Einen grenzenlosen gar: die gezeichneten Organismen binden sich weder an Achsen noch lagern sie sich an die Festigkeit der Ränder an; im Ungleichgewicht der Körper vielmehr, welche hier sie überschreiten, dort die Weite zu ihnen hin unangetastet lassen, bleiben jene als Begrenzung offen. Weiße Stille wie Luft, die Dinge scheinen in ihr zu kreisen, schwerelos, obwohl sie ihre Gewichtigkeit nicht verleugnen können. Es ist die eines energischen Strichs, kraftvoll und eher schwer, nicht schaumgeboren, sondern, wie spontan auch immer, aus Nachdenklichkeit gezeugt, sinnenden Blicks und in der Gesamtheit des sinnenhaften Erlebens. Im Grunde immer das Ganze; nichts scheint beiläufig, nichts nur Anderes vertretend oder von Anderem vertretbar, Wiederholungen nur so, wie sich Leben wiederholt und doch jedesmal anders ist und sich fühlt und gewogen werden kann. Und alles geht eher ins Große: Keine Kabinettstücke, über die man sich in einfühlsamer Vertieftheit beugen könnte, wie es auch nicht der Hinneigung über die Tischplatte, der bedächtigen Wahl von Zeichen­gerät und Farbe und dem behutsam einsetzenden Duktus auf kleinsten Parzellen zu danken ist, dass es sie gibt. Wer hier zeichnet und malt, überschreitet seine Körper­grenzen und schafft Raum nicht nur für diese seine Äußerungen, sondern durch sie auch für sich selbst; zentriert, aber nicht verschlossen, man ist eingeladen, sich einzulassen: wenn Kunst zeitlos genug ist, um wesentlich zu sein, bereichert sie den, der ihr begegnet aus ihm selbst. Keine Parolen denn auch hier, trotz der Unmittelbarkeit des Betroffen -seins von dem, was widerfährt, sondern Manifestation des Seins, eines bewussten in der Unaustauschbarkeit von Ort und Zeit, aber weder örtlich noch zeitlich so verhaftet, dass sie nicht hinauswiesen auf die zutiefst ort- und zeitlosen Bedingnisse der Existenz, wenn sie sich als schicksalhaft erkennt. Schicksal als Schwebe, das Sein in allseitiger Offenheit, sie sind hier nicht haltlos: dazu ist die Hand, die sie artikuliert, zu fest. Sie entlässt ins Gleiten, aber sie behält, was gleitet, im Blick, und nichts glitte anders als in der Spanne, die dieser freigegeben hat in seiner Beherrschung der Weite. Die Existenz in Raum und Zeit hineingehalten: zu ernste Worte für soviel spielerische Freiheit? Alles doch, was geschieht, ist Spiel vor dem Antlitz der Ewigkeit, und wenn wir wirklich spielen, tun wir’s gleichnishaft und ernst; das gibt dem Spiel, der Kunst, den Rang, jenseits von allem berechenbaren Nutzen notwendig zu sein. Notwendigkeit von innen her: Stimme zu geben dem, was darauf drängt, gehört zu werden, Wort dem Gedanken, Linie dem, was sichtbar werden will, und einen Körper dem, was sich bewegen können sollte. So dicht wie ausgebreitet, hat Susanne Kesslers Werk diese Vielfalt. Der zwei­dimensionale Bereich der Zeichnung setzt sich in den dreidimensionalen des Objekts im Raum fort und bemächtigt sich, wenn diesem aufgegeben ist, sich zu bewegen, der Zeit als seiner vierten Dimension: Färb- und Formenkarussells, Drehsterne über einer Achse, behängt mit bemalten Tüchern, die, in vielfältig angeschnittenem Umriss ausgespannt, per Umdrehung, die draußen schon der Wind allein bewirkt, im Wandel den Bestand behaupten; das Zelt als vorübergehend begehbare, in Lockerheit gefügte Bleibe; das zerbrochene Segelschiff in der bleichen Geschwelltheit seiner Takelage doch, so scheint es, unterwegs; fast schwerelos die Konstruktionen aus Metall, Gerät und Tuch. Auch in den gezeichneten, gemalten Büchern der von Seite zu Seite wechselnde Umriss des Ausgeschnittenen, das dann beim endlosen Band, einer Webpatrone, die strenge Gesetzmäßigkeit der Lochreihen in streuender und wie spontan vollzogener Besetzung konterkariert. Transitorisch die Drehung, die Geschwelltheit, das Umgehen und Durchschreiten, die Blätterung, das Sicheinmischen in einen Ablauf. Auch die Zeichnungen aber haben letztlich transitorischen Charakter. Die drängende Direktheit des Tuns suggeriert den Vollzug als einen gerade eben sich ereignenden. Man glaubt der Entstehung beizuwohnen, sie ist nicht abgeschlossen, so wie ja, was lebt, zwar mit allem versehen ist, was es braucht, um leben zu können, aber dadurch nicht daran gehindert werden darf, sich dauernd zu verändern, denn dies erst macht das Leben aus. Veränderung in einem Bild, das fertig ist: eine virtuelle, eher die desjenigen, der, es wieder und wieder erblickend, es jedesmal mit anderen Augen sieht, die doch die seinen bleiben, unveränderlich, der Geist des Sehenden ist es, der sich wandelnd den Blick modifiziert. Linien aber denn auch sind Wege, die nachgegangen werden wollen; wenn sie ins Große sich dehnen, mag der Sehweg zu körperlich vollzogenen Schritten nötigen. Doch auch dem Eindringen in die Tiefe des Bildes, die oft genug vermeintlich leere, sind hier Schranken gesetzt, die passiert werden wollen. Schon die Unterschiede der Farbsubstanzen in Gewicht und Ausmaß, Dichte oder Transparenz, Fluss oder Körnung, Schwärze oder Farbigkeit rücken sie, auch wo sie sich vermengen, voneinander ab. Manchmal ist ihnen Körper gegeben, indem bezeichnete Stücke eines anders tönenden Papiers ausschnitthaft ins Ganze eingeklebt sind und sich schon durch ihre Schnittränder vom übrigen planen Bildgefüge absetzen; manchmal kommt derart Transparentpapier ins Spiel, einiges durchlassend von dem, was darunter gezeichnet ist auf dem tragenden Blatt, anderes, was auf die eigene Rückseite aufgetragen wurde, gedämpft vermittelnd zwischen dem, was die Oberfläche selbst an festerer Zeichenspur zu schauen gibt. Manchmal aber gar vollendet sich das Körperhafte in Umhüllung. Die bezeichnete Collage in der Unregelmäßigkeit des erzielten Umrisses ist mit Gaze überspannt, Gewand, das rätselhaft verhüllt und doch den eindringenden Blick lockt, das mehr ahnbar sich Bietende schärfer zu fassen.

Die unterschiedlichen Zeichen- und Malsubstanzen: trocken und körnig Kohle, Pastellkreide, Graphit, wenig Bleistift; fließend und dicht schwarze Tusche, häufig laviert, blaue Tinte, Ölfarbe dünn mit den Fetträndern, die sie ins Papier entlässt, Teer und Acryl auf den Tüchern. Sie agieren miteinander auf einen ganzen Organismus hin, der von Stärke und Verletzlichkeit zugleich geprägt ist, so gleitend wie gefestigt. Was die deckende Farbsubstanz in einer Ebene zu errichten scheint, lässt die transparente sich schichten und die körnig sich verschattende räumlich ausschwingen: ein dialek­tisches Spiel von Ganzheit aus dem Gegensätzlichen. Komplex ist aber schon die einfachste Erscheinungsweise hier: die Linie als vereinzelte, schmal oder breit im leeren Flächenraum noch mehr auf sich gestellt durch die benachbarten Verdichtun­gen zu Fläche und Gerüst, Verbreiterung aus wiederholter Geste, das Knäuel, das Gewirr, die Schwere, die, im ausfahrenden Einzelstück sich leichtmachend, aus der Körperdichte ins Weite strebt in offener Umarmung dessen, was nicht sichtbar ist. Sperrig eigentlich alles, nicht geschönt, nicht lieblich. Und nicht leichtgenommen, sondern ernst. In der Dichte der wandbreiten Bahn in wirbelnder Bewegtheit geradezu ein Bild der Welt, und wenn es sich um Holme und T ritte von Leitern windet, ein Monument des Leidens und des Überstehens. Ernst und bewusst Weltbilder eines Menschen, den als die Saite, die er ist, der Anschlag dessen, was ihn trifft, zum Schwingen bringt gespannt und stark. Eines Menschen der als Frau die ganze Kraft des Tuns und Tiefe des Erkennens für sich in Anspruch nehmen kann und es mit allen Konsequenzen tut.

 

Text von Franz Joseph van der Grinten für den Katalog der städtischen Galerie Albstadt (inzwischen Kunst Museum Albstadt) zur Ausstellung „Susanne Kessler – Zeichnungen und Konstruktionen“, Albstadt 1992