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Mit der Trambahn Nr. 19 oder 30 gelangt man zur Basilica San Lorenzo, jenem herrlichen Beispiel des römischen Schichtengesetzes, wo die Jahr­hunderte in einem »unendlichen Band« fortleben, wo antike und christ­liche Kunstelemente ineinander übergehen, nahtlos. Hinter der Kirche der große römische Friedhof »il Verano«. In den Seitenstraßen die Handwer­ker, die vom Tod leben, Grabmonumente in den Vitrinen, aber auch Früchte aus Alabaster und Marmor, Feigen, Trauben, Birnen, die so frisch wirken, dass man hineinbeißen möchte. Beerdigungsunternehmen. Eines trägt den Namen »Avenire«, Zukunft, schwarzer Humor oder auch nicht.

Reich sind die Leute nicht, die hier leben: Hemdenmacher, Schuster, Elektri­ker, Antiquare, deren Ware bestenfalls bis in die 20er Jahre reicht, Korb­flechter, Leute, so kommt es dem Fremden vor, die Zeit haben, vielleicht einen Rest von Poesie und Lebensqualität, die andernorts, auch in Rom verlorengegangen ist.

Eine Türe öffnet sich, und alles wird plötzlich hell, sehr hell: der Arbeitsplatz von Susanne Kessler, und wer eintritt, fühlt sich eingehüllt in Farben, aufs Meer getrieben auf einem zerbrochenen Schiff, das sich zusammensetzt aus alten Stühlen, objets trouvés, in die Luft gehoben, wie ein Vogel im Auf­wind, durch Leinenstoffe auf Leitern, das geht von Stufe zu Stufe, immer wiederzurückgerufen auf diese Erde durch das letztlich entscheidende Ele­ment der Künstlerin: Susanne Kessler ist, auch und vielleicht erst recht in den dreidimensionalen Arbeiten, Malerin: sie nimmt, was sie findet, das »unendliche Band«, gelochter Karton, der, stumm und statisch zunächst, zu fliegen beginnt durch die Übermalungen, und alles will fliegen im Werk dieser Künstlerin, oder doch schweben, wie das große »Flügelpaar« ausdem Jahr 1984 wie auch die Gouachen, die ich am Boden liegen sah und deren erst bei genauem Hinschauen erkennbarer Reiz darin besteht, dass sie sich aufstellen lassen, in den Raum gehen, man weiß nicht genau wohin, wohl aber, dass sie gebunden sind, zurückgehen zum Grund, in eine Art Heimat, die sich aus Disziplin und Phantasie zusammensetzt. Widersprü­che gewiss beim ersten Hinschauen, beim ersten Hindenken. Die gebun­dene Form wird in den jüngsten Arbeiten fragmentarisch, und man hätte das Gegenteil erwartet, nur dass die Lockerung eben notwendig ist für das Leben und Überleben des Künstlers, und so war es oft, bei Hölderlin, bei Ungaretti …

Susanne Kessler wird es nicht leicht haben, denn einzuordnen ist sie nicht. Wenn einer »informell« sagt, trifft er doch nur einen Teil, spricht einer von »Arte povera« ist auch nicht viel begriffen. Wer wirklich die Poesie dieser Künstlerin und in ihr das Poiein, also die Arbeit, verstehen will, der tut gut daran, fliegen zu lernen, in einem Zelt zu schlafen und wieder ein Kind zu werden und einzusteigen in das Karussell, von dem schon Rilke spricht. Aber das Karussell ist dann doch ein anderes. Im Werk von Susanne Kessler gibt es ein blaues Buch und ein gelbes Buch und siegehören zusam­men, wie eben Tag und Nacht, Sonne und Mond, Freude und Angst, und dann gibt es das »Buch der Liebe«.

Ich kam mit der Straßenbahn Nr. 30, ich bin kein Kunsthistoriker, nur einer, der an einem Märztag des Jahres 1992 nach dem Besuch der Werkstatt von Susanne Kessler, sehr erfüllt und beflügelt, mit der Straßenbahn Nr. 30 wieder nach Hause fuhr.

 

Text zum Buch „Susanne Kessler, Bücher-Raumobjekte“, 1992, zum Anlass der Einzelausstellung in Rom im Goethe Institut Rom, 1992