“Das Jerusalem Projekt”, 2013-2015

 

Ausstellung: Jerusalem יְרוּשָׁלַיִםالقُدس
Ausmaße: 8,22 m x 5,13 m x 2,53 m
Materialien: Draht, Klebeband, Stoff, Plastiknetz
Ausstellungsort: American University Museum -The Katzen Art Center, Washington / DC, USA, 2015

 

Als sich Susanne Kessler der Aufgabe stellte, dem Wesen Jerusalems auf die Spur zu kommen, sichtete sie zunächst eine topographische Karte der Stadt aus dem 19. Jahrhundert. Solche Karten sprechen das Wechselspiel zwischen menschlichem Bemühen, Landformen, Wetterverhältnissen und der Ökologie von Flora und Fauna an. Sie spiegeln die Dialektik menschlichen Einfallsreichtums und seiner Triumphe wie Torheiten, die noch sichtbar sind in den freigelegten, auf die schriftlich dokumentierten Zeitläufte der Stadt bezogenen Schichten, das Auf und Ab ihrer Geschichte. Kesslers kartographische Quelle bringt solche bidirektionalen Adaptierungen organischer Naturformen und starr rechtwinklig urbaner Strukturen sinnfällig zum Ausdruck. Sie folgt den gewundenen, verworrenen Linien, durchmisst die Stadt mit Auge und Hand und spürt ihr als einem lebendigen Organismus nach, der aus einem jahrhundertealten Prozess permanenter Metamorphose gebildet ist.

Ihrem Impuls über die Grenzen der Vorlage hinaus folgend, erweitert Kessler ihre Untersuchungen in die dritte Dimension, indem sie ein Netz aus verdrillten Plastiktüten, Klebeband, Kabeln und Drähten über die fein kartierten Linien der Stadt spinnt. Als intonierte sie ein Mantra oder Gebet, folgt sie den Linien immer und immer wieder und zieht den abstrakten Rhythmus der Stadt an die Oberfläche und daraus hervor. So erhebt sich über der Karte in ihrem distanziert analytischen Blick auf die Stadt eine organische Körperform als Derivat einer alchimistischen Mixtur aus Farben. Im kostbaren Silber und Gold schwingt Hoffnung mit, das verkohlte Schwarz erinnert an Gewalt und Unfriede. Nichts bleibt außen vor, alles wird als Wahrheit dieser komplexen Stadt miteinbegriffen, der sowohl die starren, scharfen Dornen der Furcht angehören wie auch die leuchtenden Bänder des Glaubens, der Kooperation über alle Unterschiede hinweg und des Versprechens auf Liebe.

Zuletzt streift Kessler diese "Häute" aus Drahtgeflecht von den darunterliegenden Wandzeichnungen ab - gleich einer Schlange, die sich häutet, um in eine neue Wachstumsphase überzugehen. Das Ergebnis ist ein dichtes und doch luftiges Netz aus rhythmisch schwingenden Linien, die frei im Raum schweben und den Eindruck unendlicher Multiplikation und Extension erwecken. Es erinnert an lebendige Systeme wie die neuronalen Bahnen im Gehirn, die Botschaften von einem Körperteil in einen anderen übermitteln, oder wie Myzelien, die Nährstoffe und Heilmittel in toxische Gebiete und Lebensverbände transportieren.

Der Blick durch dieses hängende Netzwerk trifft auf einundzwanzig dreieckige, mit Pergament verkleidete Objekte, in die Kartenausschnitte eingenäht sind, Evokationen der akkumulierten Weisheit der Kulturen Jerusalems. Ihre Formen erinnern an islamische Spiegel, christliche Reliquienschreine und jene Behältnisse, in denen koptische Christen ihre Bibeln aufbewahren. Nummer 21 deutet auf die drei Religionen und sieben Hügel der Stadt hin.

Jerusalem, herzzerreißendes Lamento und Psalm voller Lob und Hoffnung zugleich, durchkreuzt simple, binäre Formeln und weist Schuldzuweisungen, Urteile und alle Verzweiflung darüber zurück, was unveränderlich erscheinen mag. Kessler findet stattdessen Inspiration im historischen Prozess, der vom Wandel geprägt ist, und nimmt die in Jerusalem aufeinandertreffenden Glaubensbekenntnisse ernst, um eine komplexe Allegorie dieser außergewöhnlich potenten Stadt anzubieten und aufmerksam zu machen auf ihre zahlreichen Quellen für aktive, lebendige vernetzte Hoffnungen auf einen Frieden, der menschliche Grenzen und Konstruktionen überschreitet.

Auszug aus dem Text des Kataloges von Sarah Bliss, übersetzt von M. Windgassen

 

 

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(photo by Hedieh Javanir)

 

 

 

 

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Wall Installation: “Jerusalem - Mobile Library” 
21 book casings of various sizes

 

 

 

 

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Triptychon an der Wand: “Jerusalem”
Ausmaße: 91,5 cm x 190,50 cm x 10cm, dreiteilig
Materialien: Ölfarbe, Nägel, Faden, auf Holz mit Plexiglas Deckel

 

 

 

https://vimeo.com/161272826/de0736ca82

 

 

 


 

 

“The Jerusalem Project”, 2016

 

Zu Susanne Kesslers Jerusalem Projekt

Eine Stadt wie Jerusalem verbirgt mehr als sie bereit ist, auf den ersten Blick herzuzeigen. Die oberste Schicht des Lebens ist sichtbar, lässt ahnen, wie unterirdisches aussehen könnte. Lebten in der Stadt noch im 19. Jahrhundert Christen, Juden und Muslime friedlich miteinander, zeichnet unsere Zeit ein ganz anderes Bild. Die Künstlerin wählt sicher nicht ohne Hintergedanken einen Stadtplan Jerusalems aus dem 19. Jahrhundert, um das Gesicht der Stadt nachzuweben.

Doch der Plan wächst in die Luft, gleichsam wie ein Stück Vegetation, mit der sich solch ein Stadtgebilde beschreiben ließe, wachsend, ein Mehr an Struktur bildend, mit Adern, die der Versorgung dienen. Teile sterben, andere entwickeln sich weiter.

Die Farben sind nicht zufällig gewählt, sollen sie doch an den Jerusalemsdorn erinnern. Die Farbe als erste Assoziation, aber auch die Dornen sind ein weiterer Verweis. Verletzungspotential im übertragenen Sinne. ABER: die Pflanze ist auch als Heilmittel gegen Fieber bekannt –eine Wirkung, die den unterschiedlichen Gruppen, die im Zwist liegen sicherlich zugute käme….

Vom Jeruslemsdorn ist es dann gedanklich auch nicht mehr weit zum brennenden Dornbusch, dessen Existenz historischer Exegese folgend gar nicht unwahrscheinlich ist: handelt es ich doch um einen Busch, dessen ätherische Öle unter Sonneneinwirkung spontan zur Selbstentzündung führen können.

So viele Bilder, die das Projekt nachzeichnet: Archäologie, historische Stadtentwicklung; lokale Vegetation und ihre Abstraktion in Bezug auf bauliche Momente, religiöse Anklänge, gesellschaftliche Fragestellungen. Und wiederum ein Berg –der Sinai, mit dem diese Art der Vegetation ebenfalls in Verbindung gebracht werden kann.

Auszug aus der Rede zur Ausstellung „Berge versetzen“ in der Galerie Walter, Dresden 2016, von Moritz Stange

 

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